Die Argumentation

Wir beobachten Sprachdiagnostiker bei ihrer Tätigkeit: Was tun sie, was setzen sie dabei voraus? Was sind die Folgen für das Verständnis des Problemfeldes?

In gewöhnlichen oder in eigens hergestellten Situationen beobachten sie die sprachliche Kommunikation von Kindern, interpretieren, analysieren und qualifizieren sie; das mit Bezug auf bestimmte Vorstellungen davon, was Sprachfähigkeit ausmacht, wie sie sich entwickelt und wie man ihren Entwicklungsstand bestimmen kann. Der wissenschaftliche Bezugsrahmen der Sprachdiagnostiker ist derzeit durchweg der einer Pädagogischen Psychologie, die in Fragen der empirischen Entwicklungs-, Lern- und Bildungsforschung als die erste wissenschaftliche Disziplin wahrgenommen wird und etabliert ist. Obwohl es bei der Sprachdiagnostik auch auf genuin sprachwissenschaftliche und sprachdidaktische Kompetenz ankommt, sind Linguisten bei vielen ihrer Projekte nach wie vor gewissermaen außen vor. Eine auf Psychometrie fixierte Psycholinguistik gibt den Ton an: Sprachkometenz sei im Kern grammatischce Kompetenz, und die sei den Kindern gleichsam von Natur aus mitgegeben. Art und Grad der Entwicklung grammatischer Kompetenz sei mit kleinen kontext-, situations- und milieuindifferenten Experimenten zu ermitteln. Deren Ergebnisse hätten eine eindeutige diagnostische und prognostische Relevanz.

Wissenschaftliche Studien zur Qualität gängiger Sprachtest- und Sprachstanderhebungsverfahren legen anderes nahe: Sie tragen zu der Erkenntnis bei, dass die Diagnose sprachlicher Kompetenzen von anderen sprach- und entwicklungstheoretischen Voraussetzungen auszugehen hat. Zum Beispiel davon, dass es nicht die Sprachfähigkeit gibt sondern unterschiedliche elementare und komplexe sprachliche Fähigkeiten; dass die Aneignung dieser Fähigkeiten bestimmte soziokulturelle Milieus voraussetzt - und beeinflusst; dass die Sprache ein Medium der Erkenntnis der Welt und des Verständnisses der anderen und seiner selbst ist; dass Grammatiken kulturellen und historischen Ursprungs sind; dass wer Sprachen kennt und kann, sein Denken anders strukturierren kann - und mehr.

Alles das muss man nicht einmal theoretisierend beschwören; man kann zeigen, wie es innerhalb der Welt der Sprachwissenschaft zugeht, wenn sprachliche Äußerungen von Kindern verstanden, beschrieben und erklärt werden sollen. Der diagnostische Prozess erscheint dann in einem anderen Licht: wer die Grammatikalität sprachlicher Äußerungen zu kennzeichnen versucht, der kommt um sprachanalytische Operationen nicht herum; die wiederum setzen Interpretationen voraus. Und diese Sicht der Dinge, so sei vorweg betont, einen wissenschaftlichen Bezugsrahmen, innerhalb dessen die Praxis sprachlichen Komunikation vom Standpunkt einer dritten Person als ein Prozess der wechselseitigen Interpretation der zweiten und der ersten Person betrachtet werden kann.

Exemplarisch: ein Kind denkt darüber nach, wie sich ein Hund Gedanken macht. Und wir? Darüber, was es mit dieser Äußerung kompetenzdiagnostisch auf sich hat. der Dialog, Verständnisse, Bezugsrahmen - und was dabei Interpretation ausmacht. (Das Beispiel finden Sie iunter Heidenheim.pdf.)

Diagnose der Sprachdiagnostik

Problemfeld