Grammatische Praxis

Wie soll man sich die grammatische Praxis der Sprachdiagnostikerin vorstellen? Nimmt sie den Grammatiik-DUDEN zur Hand, um feststellen zu können, welche Elemente welcher (schriftsprachlich notierten, also schon grammatikalisch identifizierten) sprachlichen Ausdrücke in welchem Format zu kategorisieren sind? Das wäre ja in der Tat so etwas wie eine grammatizistische Rasterfahndung: Man erhebe irgendwelche Sprachproben, um irgendwelche Sprachformen mit Beispielen belegen zu können. Wer so verführe (oder tatsächlich verfährt), der geht von zwei Voraussetzungen aus, die beide nicht stimmen. Die eine ist eine grammatikheoretische, die andere eine sprachanalytische. Grammatische Operationen, Kategorisierungen und Termini sind (das ahnt schon fast jedes Schulkind) methodische Abstraktionen im Zusammenhang mit sprachanalytischen Argumentationen. Und sprachanalytische Argumentationen machen Sinn im Kontext von sprachlich-kommunikativen Prozessen. Jede auch noch so verallgemeinernde, verallgemeinerte grammatische Aussage können wir insoweit nachvollziehen und verwerfen oder bestätigen, als sie uns argumentativ überzeugt, weil sie uns exemplarisch unsere eigene sprachliche Praxis und Sprachreflexion vergegenwärtigt; nicht selten wahrscheinlich auch das eigene Sprachverständnis verändernd. (Was uns übrigens schon die Beobachtung der Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten bei Deijährigen zeigt: manche entwickeln erstaunlich leicht und früh ein Gespür für irgendwie lustige Formen der Grammatik von Wortbildungen.) Die methodische Konsequenz liegt auf der Hand: erst das praktische Verständnis der sprachlichen Äußerungen von Sprecher und Hörer; dann die ausdrückliche, die methodische Explikatio; dann ihre differenzierte strukturanalytische Beschreibung - und ihre grammatikalischen Annotationen.

Mit anderen Worten: Die Sprachanalyse stützt sich auf die Explikation der zur Diskussion stehenden sprachlichen Äußerung (richtiger: ihrer sprachlichen Ausdrucksform in grammatisch angemessener Transkription). Die Explikation entspricht dem hermeneutischcn Modell des ausdrücklicheren Verständlichmachens dessen, was der Sprecher im Fall eines Missverständnisses zu Intention, Gehalt und Form seiner Äußerung ausdrücklich geäußert haben würde. (Natürlich in der Perspektve der dritten Person.)

Was genau tut also der analytisch geschulte Beobachter dabei? Man kann sagen, er formuliere dabei die Implikationen und Konsequenzen aus, auf die der Sprecher die andere Person und sich selbst mit seiner sprachlichen Äußerung festgelegt haben. Dabei folgt er einer bestimmten Logik: genau jener, die der grammatischcn Form der Äußerung entspricht. Das heißt, die Logik der Sprachanalyse ist die der Grammatik der Sprache. Jener Grammatik, die die Sprecher der Sprache gewissermaßen im Kopf haben und die die Linguisten systematisch beschreiben. ((Absatz überarbeiten.))

Die grammatische Kompetenz der Linguisten ist analytisch nicht zu unterschätzen; ihre Reichweite sollte man aber auch nicht überschätzen. Jede noch so rationale grammatische Analyse des Sprachgebrauchs hat mit dem Problem zu kämpfen, dass sich die grammatischen Formen verändern, weil die Sprecher der Sprache kreativ mit ihnen umgehen können. (Etwas, womit zurecht zu kommen, manchen Sprachdiagnostikern schwerfällt, weil ihre Kompetenzkonzepte dergleichen gar nicht vorsehen.)

Überdies sind nicht nur die Grammatiken im Fluss, auch ihre Beschreibungen sind es. Die begrifflichen Vokabulare der Grammatiker selbst sind nicht definit sondern interpretativ zu verstehen: was als Form, als Gehalt, als Intenton einer Äußerung, wie zwichen Nomen und Adjektven zu unterscheiden sei, welche Kriterien dafür sprechen, den KonjunktivII als den Irrealis zu kennzeichen - das alles ist zwar nicht beliebig, aber durchaus interpretationsoffen.

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