Construction Grammar (Croft)

Grammatiker interpretieren die Form sprachlicher Äußerungen, indem sie die logische Struktur der sprachlichen Ausdrücke darstellen, die sie exemplifizieren. Aber was macht eine Strukturanalyse aus, wie geht man dabei vor? Und was für ein Begriff der Struktur (sprachlicher Ausdrücke) ist dabei vorausgesetzt? Exemplarisch sei die neuere Radical Construction Grammar diskutiert:

William Croft: Radical Construction Grammar. Syntactic Theory in Typological Perspective. Oxford 2001: Grammatische Konstruktionen:

Ein paar Hinweise auf die Radical Construction Grammar von Croft (2001. (Sie sei, so Croft (2001), radikal in dem Sinne, dass sie zu den Grundlagen der Syntax zurückgehe, Konstruktionen als die grundlegenden Einheiten der syntaktischen Repräsentation verstehe, in diesem Sinne deren interne Gliederung holistisch beschreibe - und von der Erkenntnis bestimmt sei, dass die konkreten linguistic constructions selbst durchaus von Sprache zu Sprache verschieden, dass sie sprachenspzifisch seien, wiewohl es auch (damit interferierende) syntakische universals gebe.

Was tun Grammatiker der RCG, wie gehen sie vor? Sie arbeiten distributionsanalytisch: syntaktische Kategorien, liest man, werden je nach ihrer Kookcurrenz (oder Nicht-Kookurenz) der syntaktischen Elemente der Klassen der verschiedenen sprachlichen Äußerunggstypen bestimmt, die sie exemplifizieren. Die so ermittelten patterns of occurrence/nooccurence stellen gewissermaßen die distributionelle Struktur der sprachlichen Konstruktionen dar. Die distributional method, verstanden als die elementare empirische (satz!)grammatische Analyse, führt (heißt es) zur Unterscheidung und Kennzeichnung der elementaren grammatischen Einheiten, aus denen komplexe syntaktische Strukturen oder Konstruktionen gebildet sind. Distributionsanalysen dienen also wohl dazu, die interne grammatische Logik der sprachlichen Konstruktionen mit Subsititutionstests zu ermitteln: bestimmte Relationen bestimter Elemente gehen, andere nicht; bestimmte Elemente haben die und die Rolle (Funktion), andere eine andere. Oberflächlche (schul)grammatische Kategorisierungen schulgrammatische Art führen nicht weiter. Sie verstellen eher den Blck darauf, dass die grammatischen Kennzeichnungen ohne ihre semantische Dimension abstrakt formalistisch bleiben.

Syntaktische Kennzeichnungen sind das eine, semantische das andere. Und was macht die Beziehung zwischen der Syntax (Form) und der Semantik (Bedeutung) der sprachlichen Konstruktionen aus? Constructions, die elemenataren sprachlichen Einheiten, sind (heißt es) Symbole (symbols), pairings of grammatical form and the corresponding meaning. Was aber ist die grammatisch repräsentierte Bedeutung, was heißt hier Repräsentation? (Erst recht dann, wenn die Beziehung von Form und Bedeutung eine kausale Relation sein soll.) Die Darstellung der Semantik syntaktisch gekennzeichneter sprachlicher Konstruktionen soll man sich wohl so vorstellen: Konstruktionen sind die primitive units syntaktischer Repäsentation; die categories they define distributionally sind ihrer Bedeutung oder ihrer Funktion nach bestimmt. Zwischen der syntaktischen und der semantischen Struktur der sprachlichen Konstruktionen bestehe ein gewisser Parallelismus; zwischen Form und Funktion gebe es ein gewisses Wechselspiel. Eines, das (so Croft) letzten Endes zeichentheoroetisch, als eine symbolische Relation von Form Bedeutung zu bestimmen sei;, ganz im Sinne einer (ganz offensichtlich repräsentationalistischen) semiotischen Saussure-Lektüre (s. dagegen: Ludwig Jäger: Ferdinand de Saussure zur Einführung. Hamburg 2010): die sprachliche Form repräsentiere die sprachliche? Bedeutung, und die semantischen Relationen zwischen den konstruktionalen Bedeutungen der sprachlichen Zeichen lassen sich in Begriffen eines strukturierten conceptional space - repräsentieren.

Wozu sei die RCG letzten Endes tauglich; was sei mit ihr anzufangen? Die distributionsanalytisch fundierte Rekonstruktion der Strukturen sprachlicher Konstruktionen laufe, so Croft, auf eine Repräsentation des grammatischen Wissens des Sprechers hinaus; die so herausgearbeiteten linguistic constructions bilden gewissernaßen das grammatische Repertoire konventionsgemäßer sprachlicher Ausdrucksformen. Der gewöhnliche Sprecher einer natürlichen Sprache hat genau jenes grammatische, jenes sprachliche Wissen im Kopf, das der Grammatiker der RCG darstellt?

Um diesen linguistischen Kognitivismus akzeptieren zu können, muss man die grammatologische Argumentation insbesondere seiner Distributionsanalysen methodisch und begrifflich überzeugend finden können. Das fällt aber nicht leicht; denn die grammatischen Operationen und Kennzeichungen setzen sprachanalytisch durchweg voraus, was sie darstellen und erklären sollen: die ausdrückliche Explikation der inferentiellen(!) Struktur der jeweils exmplarisch diskutierten sprachlichen Ausdrucksformen. Und das, was man da tut, in einer Sprache beschreiben und kennzeichnen könnnen, die sprachtheoretisch den Sachverhalt trifft. Von einem parallelism between syntactic structure and semantic structure zu reden, davon davon, das auch eine causal relation between form and meaning denkbar sei, die Auffassung zu erörtern dass die semantics of a linguistic expression nicht zuletzt in part determind by syntactic structure sei usw. - das ist semiologisch unnötig vage, wenn nicht gar unangemessen. Der Repräsentationalismus der CGR Crofts hat, wie es scheint, theoretisch unangemessene abbildtheoretische Konsequenzen; als gebe es keine anderen sprachwissenschaftlichen Perspektiven und Positionen, wenn es um den Zusammenhang von Sprache und Welt, um das Bild des Sprecherbewusstseins, um die Logik der Grammatik geht. (Die Humboldt-Rezeption als eines Sapir-Worff-Zwillings ist historisch wie systematisch gesehen schlicht daneben.)

Problemfeld