Grammatische Kompetenz exemplarisch

Wozu Grammatik lehren und grammatsche Kompetenz fördern? In erster Linie sicher nicht, um den Gebrauch der Sprache zu fördern; sondern eher, um das Verständnis des Gebrauchs der Sprache zu fördern. Denn Grammatiken lehren nicht, sie beschreiben die sprachliche Praxis. Wozu dann aber Beschreibungen lehren und lernen? Einfach deswegen, weil es beim Verständnis dessen, was wir tun, wenn wir uns verbal artikulieren, gelegentlich aufs ausdrückliche Verstehen und Begreifen ankommt. Die Didaktik der Grammatik sollte lehren, in welcher begriffllichen Sprache wir über die Praxis der Sprache verständig und verständlich zu reden vermögen. Grammatikunterrricht kann das sprachanalytische Denken, die sprachanalytische Argumentationsfähigkeit fördern. Und auf was kommt es d abei an? Auf die Kenntnis von Regeln der Satzbildung und der Wortbildung? Auf die Kenntnis von Satzarten und Wortarten? Auf die Kenntnis einer grammatischen Terminologie? Oder die Kenntnis grammatischer Verfahren zur Bestimmung der syntaktischen Sttuktur eines Satzes? (Und was heißt da Kenntnis?)

Welche grammatische Kompetenz ist im folgenden Fall die Voraussetzung für eine angemessene Sprachdiagnose? Da spielt ein dreijähriges Kind mit papiernen Luftschlangen, die von zwei Luftballons am Fenster herunterhängen, und sagt dabei zu seiner Mutter:

Guck mal, wie ich die jetzt durchwirrt habe. Jetzt find ich die schön.

Betrachten wir nur den zweiten Satz der Äußerung des Kindes Der klassische Schulgrammatiker würde jene Umstellprobe vornehmen, die zur Bestimmg der Satzglieder führen kann:

Jetzt find ich die schön.

Schön find ich die jetzt.

Die find ich jetzt schön.

Find ich die jetzt schön

- und käme dabei üblicherweise auf vier Satzglieder...

Subjekt - Objekt - Zeitangabe - Modaladverb+Verb

... die die syntaktische Form des Ausdrucks ausmachen:

jemand - etwas - (zu einem bestimmten Zeitpunkt) - so und so + finden

Aber wieso spielt schön hier die Rolle eines Modaladverbs? Stimmt, würde der Schulgrammatiker feststellen wollen; man könne ja die folgende sinngebundene Ersatzprobe vornehm:

jetzt find ich die schön =

= ich find jetzt, dass die schön sind

oder (?):

= ich find, dass die jetzt schön sind

aber nicht:

* die find ich jetzt hier

aber wohl:

jetzt find ich, dass sie x sind; für x -sein = ästhetisch dem Wert x entsprechend sein

jetzt y ich, dass; für y = in einer bestimmten Einstellung urteilen, dass x

Kurz, das Kind gebraucht (denkt der Grammatiker) offensichtlich eine bestimmte sprachliche Ausdruckform der Artikulation eines ästhetischcn Urteils in einer subjektiven Perspektive.

Sehen wir davon ab, dass die grammatische Kommentierung der Äußerung bis jetzt noch vergleichhsweise oberflächlich ist. Lässt sie gleichwohl schon Aussagen über seine grammatische, seine sprachliche Kompetenz zu? Ist das Kind so gesehen sprachlich kompetent? Zweifellos; es beherrsctht ja ein bestimmtes sprachliches Muster üblichen (konventionellen) Ausdrucks eines ästhetisch bedeutsamen Geschmacksurteils. Es kann sprachlich noch mehr: es beherrscht eine pronominale Form der Bezugnahme auf jenen sozialkognitiven Raum, den es vorher ausdrücklich dargestellt hat - die durchwirrten Luftschlangen im gemeinsamen Raum wechselseitiger kommunikationsinterner Wahrnehmung. Und es kann, die Formulierung zeigt es ja, ein Zustandspassiv bildden: was es so behandelt, dass man es als durchwirren kennzeichnen könne, das sei eben auch durchwirrt, die Luftschlangen eben. (Keine Frage übrigens, dass es damit auch so etwas wie eine Unterscheidung bestimmter Dinge der Umwelt unter einem bestimmten Aspekt von Folgen des Umgangs mit ihnen trifft: bestimmte Dinge fallen unter genau die Kennzeichnung x-bar zu sein, weil auf jene Handlungen ansprechen, die die verbale Ausdrucksform exemplifizieren. Würde man das Kind fragen, ob es gelegentlich auch Steine durchwirrt, würde es wahrscheinlich (so etwas können schon Dreijährige) antworten: Ach Quatsch, geht doch nicht. Vielzu hart.

Wie weit, inwieweit trägt diese erste grammatische Analyse? Sie zeigt immerhin, wie sich die syntaktische Struktur der Ausdrucksform der Äußerung herausarbeiten lässt. Sie zeigt auch, dass die operationalen Verfahren (der Distributionsanalyse?) die praktische Kenntnis der konventionell üblichen sprachlichen Ausdrucksformen voraussetzen. Sie zeigt überdies, dass das gedankenexperimentelle Spiel mit den Verweisungszusammenhängen bedeutungsvoller sprachlichen Ausdrucksformen schon im vorliegenden Fall offen ist.

Aber was für ein Bild der grammatischen Kompetenz dieses Kindes entsteht dabei? Welche Aussagen darüber sind inhaltlich treffend und diagnonistisch relevant? Ersichtlich macht es im vorlegenden Fall wenig Sinn, dem Kind eines (oder mehrerer) formale Satzbildungsmuster zu attestieren. Festzustellen, es beherrsche die hier grob charakterisierte syntaktische Form im allgemeinen, das wäre eine syntaktizistische Abstraktion; logisch unangemessen, empirisch vage. Nichts zwingt uns zu solchen Abstraktionen.

Der sprachtheoretische Inferentialismus läuft wohl auf eine andere wissenschhaftliche Rekonstruktion auch der grammatischen Kompetenz hinaus. Inferenzanalytisch würde sich die grammatische Beschreibung der Äußerung des Kindes anders darstellen. Von Bedeutung wäre von Anfang, was die Sprecherin inhaltlich mitteilt, was sie dabei gedanklich voraussetzt,worauf sie damit hinauswill und was die Konsequenzen für den Hörer sind, wenn er sich darauf einlässt.

Und die Schulgrammatik?

Problemfeld