Theorie der Grammatik(en): nach Tomasello 2008

Die Grammatical Dimensions, schematisch skizziert:

Die These: “Todays´s morphology is yesterday´s syntax” und “today´s syntax is yesterday´s discourse”. (Michael Tomasello: Constructing a Language. A Usage-Based Theory of Language Acquisition. Cambridge/London 2003; 14)

Die Begründung:
„The grammatical dimension of human linguistic communication consists in the conventionalization of and cultural transmission of linguistic constructions - based on general cognitive skills, as well as skills of shared intentionality and imitation - in order to meet the functional demands of the three basic communicative motives, leading to a grammar of requesting, a grammar of informing, and a grammar of sharing and narrative.“ (Tomasello 2008; 326)

Der sprachtheoretische Kontext:
(1) Sprachliche Kommunikation als Element sozialer Kooperation; shared intentionality und common ground als intersubjektive Basis
(2) Entstehung, Gebrauch, Veränderung der Muster, Schemata, Formen sprachlicher Äußerung, sprachlichen Ausdrucks abhängig von den je besonderen kommunikativen Funktionen
(3) Elementare und komplexe Muster/Schemata/Formen des intentionalen sprachlichen Ausdrucks; elementare sprachliche Schemata: requesting, informing, sharing; entsprechend unterschiedliche funktionale Ausdifferenzierung ihrer semantisch-syntaktischen Komplexbildung, ihrer Syntax; Syntax semantisch und pragmatisch funktional
(4) Exemplarisch: pragmatisch motivierte semantisch-syntaktische Komplexbildungen bei der Unterscheidung, der Identifikation von Referenten - und bei der Prädikation von Ereignissen - usw.

Und die sprachdiagnostischen Konsequenzen dieser Theorie der Sprache und der Grammmatik? Sie legt die folgenden Feststellungen nahe:

1. Gegenstand der sprachdiagnostischen Praxis sind mehr oder weniger komplexe sprachliche Handlungen in bestimmten sozialen Situationen, bei bestimmten soziokulturell bedingten Konventionen Traditionen und Innovationen der Formen und Funktionen der sprachlichen Kommunikationen.

2. Sprachliche Kommunikationen entsprechen unterschiedlichen sozial-kognitiven Funktionen und können typologisch entsprechend unterschieden werden. So gibt es eine elementare Grammatik des requestung, des informing, des sharing und sehr viel komplexere Grammatiken ewa der narration oder des discourse.

3. Der Übergang von den elementaren zu den komplexeren sprachlichen Strukturen ist ein Prozess funktionaler Grammatikalisierung: je komplexer die sprachlich-kommunikativen Anforderungen, desto komplexer die grammatischen Strukturen. Das zeigt etwa die Genese spezifischer syntaktischer Konstruktionen bei der Genese diskursiver sprachlicher Praktiken: die diskursinterne sprachliche Kommunkation zum Beispiel führt zur Bildung, Anwendung und Aneignung bestimmter grammatischer Formen des Verweises, der Bezugnahme.

4. Die Grammatik einer Sprache zu kennen heißt so gesehen nichts anderes als mit den funktional relevanten sprachlichen Ausdrucksformen und Ausdrucksrepertoires vertraut zu sein, die soziokulturell mehr oder weniger üblich und verbindlich sind. Diagnostische Tests auf dem Niveau schulgrammatischer Umformungsübungen erfassen keine grammatische Kompetenz, sondern nur eine Fiktion davon: als ob zum Beispiel der Konjunktiv I der Indirekten Rede keiner Grammatikalisierung der komunikativen Funktion einer Distanzierung vom gedanklichen Gehalt der angeführten Äußerung entspreche.

5. Sprachliche Fähigheiten sind funktional zu unterscheiden. Und das heißt wohl (B. Sw.): Keiner kann und kennt die Sprache und die Grammatik. Er kann vielmehr Intentionen artikulieren, Feststellungen treffen, Gefühle zum Ausdruck bringen; kann Beobachtungen beschreiben, Sachverhalte darstellen, Überlegungen anstellen, Argumentationen vortragen, Geschichten erzählen - und macht bei alledem von seinem selbstverständlichen grammatischen Wissen darüber Gebrauch, in welcher Form er was wozu zu verstehen geben kann. Von einem grammatischen Knowing How, das durchaus kontext-, situations-, funktions- und (auch das) genre- und milieuspezifsch ist. Was soll man, wenn das stimmt, von sog. Grammatiktests halten? Eine grammatische Form wie die des Konjunktiv II lernt ja eher der kennen, der dabei ist, den Unterschied zwischen seiner tatsächlichen Welt und seinen möglichen Welten gedankenexerimentell durchspielen zu können.

Aber - wie beschreibt man die linguistic constructions als Form-Funktions-Einheiten? Wie, beispielsweise, stellt man den Zusammenhang zwischen der Form und der Bedeutung eines Ausdrucks dar? Was heißt es, die Form stehe für die Bedeutung, die Syntax repräsentiere die Semantik? Denken wir uns die Constructional Grammar repräsentationalistisch? Eine Theorie der Radical Construction Grammar wie die von Croft (2001) legt das nahe. Tomasellos anschauliche Beispiele für die Grammatikalisierung ssprachlicher Strukturen angesichts höherer kommunikativer Anforderungen lesen sich nicht so. Es kommt wohl auch darauf an, wie weit man mit dem her gemeinten Funktionsbegriff intentenionalitätstheoretisch kommt. Eine Zweck-Mittel-Beziehung kann es jedenfalls nicht sein.

Literatur

Problemfeld