Operationale Grammatik

Grammatische Analysen machen die Strukturen sprachlicher Ausdrucksformen transparent. Sie bedienen sich (so die keineswegs zufällige verfahrenstechnische Konnotation) bestimmter Operationen. Die Umstellprobe führt zur Abgrenzung der Satzglieder, die Ersatzprobe zur Bestimmung ihrer Rolle im Satz; die Weglassprobe zur Unterscheidung zwischen notwendigen und freien Ergänzungen des verbalen Kerns des sprachlichen Ausdrucksschemas. So jedenfalls die elementare Satzlehre der Schulgrammatiken.

Der grammatiktheoretische Appeal des Operationalismus ist aber weniger ein technischer, sondern vielmehr ein verstehenstheoretischer. Nach Glinz (Glinz 1952, 1964,1994) kommt es darauf an, die Praxis, die Methodik, das Konzept der Sprachanalyse grundlagentheoretisch zu reflektieren und praktisch auszubuchstabiern. Wie gehen wir als geschulte Beobachter mit den Äußerungen und Texten anderer um? Wie machen wir uns ein Bild von dem Gemeinten, vom Inhalt, von der Form dessen was uns Personen in konkreten Situationen zu verstehen geben? Und inwieweit bestimmt dieses Bild unser sprachanalytisches Verständnis? In welcher Begriffssprache beschreiben wir dann, was wir tun, wenn wir strukturanalytisch arbeiten? Was genau macht die besagten grammatischen Operationen aus? Wie, beispielsweise, sprechen wir vom Satz, von Satzgliedern; von Wörtern und Wortarten? Kurz - wie verstehen, wie beschreiben, wie begründen wir die grammatische Praxis? (Switalla 1984)

Die grammatischen Operationen sind nichts anderes als substitutionsanalytische Gedankenexperimente im Kontext sprachanalytischer Argumentationen. Gedankenexperimente, die methodisch an jene Krisenexperimente der (Beobachtung der) sprachlichen Kommunikation dann anschließen, wenn wir hermeneutisch zu denken anfangen, weil wir begreifen wollen, wie wir verstehen, was wir verstehen, wenn wir uns sprachlich verständigen. (Eine Logik der Hermeneutik, die dem Programm des holistiischen Pragmatismus (Brandom 2008) zu entsprechen scheint: unseren Begriff grammatischer Operationen, Strukturen und Kategorien bilden wir bei einer wissenschaftlichen Sprachanalyse, indem wir deren Knowing Howr als ein Knowing That artikulieren.

Die verstehenstheoretisch motivierte grammatiktheoretische (und grammatikdidaktische) Grundlagenforschung von Hans Glinz hat begriffskritisch gesehen nahezu durchgängig etwas Heuristisches. Ihre Terminologie hat noch die Konnotationen der Inhaltbezogenen Sprachwissennschaft der Bundesrepublik Deutschland der 50er und 60er Jahre, wiewohl sie von Anfang an ein anderes, ein sehr viel eher dem aktuellen Humboldt-Bild empirischer Sprachforschung entsprechendes Verständnis der Inneren Form der Sprache voraussetzt. Venn Glinz verstehenstheoretisch argumentiert und das Gemeinte der sprachlichen Äußerung von ihrem Inhalt uund dessen Form in seiner Begriffssprache unterscheidet, dann ist das immer dialogtheoretisch, um nicht zu sagen: handlungs-, zeichen- und kulturtheoretisch gedacht: das Gemeinte etwa eines Kafka-Kurzprosa-Textes ist (war) für ihn erst einmal das, was der Text dem Leser nach seinem Verständnis zu verstehen gibt. (Eine Vorstellung, mit der so manche textwissenschaftlich Gebildeteren bei all ihrer hochentwickelten Interpretationsartistik besonders dann schwer zurechtkamen, wenn sie ihr eigenes Textverstehen weder text-, noch sprachanalytisch angemessen thematisierten.) Der grammatische Operationalismus von Glinz ist, aufs Ganze gesehen, weder eine Adaption des sog. linguistischen Strukturalismus noch eines blassen zeichentheoretischen Saussure-Rezeptions-Verschnitts - sondern eine auch sprachtheoretisch gesehen (Kambartel/Stekeler-Weithofer 2005) gegenwärtig durchaus noch aktuelle Phänomenologie der Sprachanalyse. Auch darauf dürfte ja ihre sprachdidaktische Bedeutung zurückzuführen sein. (Switalla 2001) Aber ganz ohne Frage ist die Theorie der Sprachanalyse heute längst ein ganzes Stück weiter, wie wenig auch immer davon bei der praktischen Sprachdiagnostik bereits angekommen sein mag. Der innere Zusammenhang, die innere Logik des Verhältnisses von Form, Bedeutung und Intention sprachlichen Ausdrucks stellt sich für den sprachphilosophischcen Pragmatismus (Bertram 2011, Sprachphilosophie zur Einführung) verstehenstheoretisch schon sehr viel differenzierter dar, als ihn die tentative Glinzsche Terminologie zu erkennen ermöglichte.

Der scheinbar radikale Konstruktivismus gegenwärtiger Strukturgrammatiken (Croft 2001) ignorriert den Operationalismus weitgehend, teilt aber grundsätzlich wesentliche Grundannahmen: Die elementaren Eineiten der Sprache(n) sind die Schemata sprachlichen Ausdrucks, und nicht deren Elemente. Solche Schemata zu kennen, zu verstehen und anzuwenden, das ist Teil der symbolischen Praxis einer Kultur. Sie zu erwerben, sie sich anzueignen, das ist ein konstruktiver sozialer Prozess. Sprachkompetenz, grammatische Kompetenz ist daher alles andere als eine Mitgift nur genetischer Vererbung (Tomasello 2008).

Methodik der grammatischen Analyse

Grammatische Analyse