Sprachanalyse

Ein exemplarischer Fall: Ein kleiner Junge äußert, als der Hund seiner Großeltern beim Gewahrwerden eines gelben Müllsacks zurückzuschrecken scheint:

Ich glaub, die Ivy denkt, dass das Tiere sind. So Mülltiere.

Wie würden wir anderen den Gehalt, die Form und die Intention der Äußerung verständlich machen? Dann, wenn wir mit dem gewöhnlichen Grade des Verstehens nicht mehr zurande kämen? Wir würden ziemlich genau das tun, was Personen in Situationen tun, in denen sie sich nicht angemessem verstanden glauben. Wir formulieren dann aus, was wir gesagt, gedacht und gemeint haben. Das aber nicht in introspektiver sondern in reflexiver Form: wir interpretieren uns selbst in der Perspektive des verständigen (Selbst)Beobachters. (So wie das andere auch tun, wenn sie uns zu verstehen geben, wie sie uns verstanden haben.) Aber was genau tun wir dann? Reicht nicht eine wörtliche Wiederholung der missvestandenen Äußerung, ein also, ich sags noch mal aus? Oder die bekannte Praxis, es mit anderen Worten zu sagen? Weder das eine, noch das andere macht genau das aus, was man das Wörtlichnehmen von sprachlichen Äußerungen nennt.

Denn das Wörtlichnehmen sprachlicher Äußerungen besteht in nichts anderem als der analytischen Eplikation dessen, was die Sprecher der sprachlichen Form nach zu denken, zu meinen, zu wissen und zu wollen scheinen. Mit einem alltagstheoretischen Assoziieren kommt man dabei wie gesagt nicht sehr weit. Wer etwa kindliche Äußerungen wie So Mülltiere zu interpretieren und zu analysieren versucht, der kommt (wie die Erfahrung zeigt), schnell an Grenzen seines diagnostisch relevanten sprachanalytischen Know How.

Man muss analytische Operationen kennen, die bestimmte Explikationen stützen und andere ausschließen. Das setzt voraus, dass man in der Welt der Ausdrucksformen, die man ausdrücklich darzustellen versucht, einigermaßen zu Hause ist,. (Gute Grammatiker sind das. Obwohl man zum Beispiel in den besten Grammatiken des Deutschen kaum eine Hilfe findet, um die Verwendung deses Wörtchens so intelligent zu kommentieren.) Und es schließt ein, dass man zu beschreiben weiß, was man tut, wenn man analytische Operationen durchspielt; dass man über ein angemessenes begriffliches Vokabular verfügt. (Die sprachanalytische Logik der Praxis und des Konzepts der Explikation skizziert Brandom in dem zunächst 2008 online veröffentlichten Papier How Analytic Philosophy Has Failed Cognitice Science - einer subtilen konstruktiven Begriffskritik der Kognitionstheorien.)

Eine schematische Skizze der Dimensionen und Aspekte der Sprachanalyse:

Sprachanalyse

Zu was führt die Sprachanalyse? Sie schafft eine produktive Distanz zu jenen impliziten Interpretationen sprachlicher Äußerungen, die wir der Reaktion der anderen Person oder dem Kommentar der dritten Person entnehmen können. Sie erschwert beliebige Frend- und Selbtsmissverständnisse. Jedenfalls dann, wenn wir an einer rationalen Kommunikation mit anderen interessiert sind.

Und was soll die Sprachanalyse bei der Interpretation und Kriitk der Literatur? Bei der Diagnose und Förderung literarischer, ästhetischer Fähigkeiten? Wenn Interpretationen nicht nur mit intuitiven Assoziationen begründet werden sollen, dann kommt man um eine ausdrücklichere Darstellung des eigenen Verständnisses des Wortlauts des Textes, um eine beschreibungssprachlichc Explikation nicht herum. Sie stützt textanalytische Argumentationen beim Closed Reading der Geschichten. Sie fördert unser eigenes Verständnis dessen, was wir tun, wenn wir dem Erzähler eine Perspektive, seinen Figuren ein Bewusstsein, der Handlung eine Logik und dem Autor eine Erzählfähigkeit zuschreiben. (Wie man das machen kann, führt der New Yorker Literaturkritiker James Wood exemplarisch vor: Wood 2011) Sie trägt dazu bei, die Fiktion aufzugeben, dass die literarische Interpretation am Ende nichts anderes sei als eine freischwebende Kommentierung. Wer sich mit der erlebten Rede der Figuren einer Erzählung befasst, der muss wissen, was es heißt, sie perspektivisch darzustellen. Wer eine Landschaftsbeschreibung beschreibt, der sollte darüber nachdenken, was die Beschreibung mit seiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit zu tun hat. Bestimmte Interpretationspraktiken legen uns nahe, beim Umgang mit ästhetischen Texten sei die Sprachanalyse (und die grammatische Analyse) unseren ästhetischen Intuitionen abträglich; das Gegenteil ist der Fall.

Grammatische Analyse

Sprachtheorie

Problemfeld